Raus auf Land - 100 Schritte zu einem naturverbundenen Leben {Rezension}

23. April 2017


In unserer hochtechnisierten Zeit haben wohl mehrere Menschen das Bedürfnis, sich von Technik und Komfort zumindest ein Stück weit zurückzuziehen, wieder selbst Hand an zu legen. Man will wissen, wie die konsumierten Nahrungsmittel angebaut werden, wie die Tiere gehalten werden, wie viel Arbeit in einem Kleidungsstück steckt. Als Konsumenten sind wir von diesem Wissen ganz weit weg. Gehen wir ein Stück weit in die Richtung, ein Produzent zu werden, weiß man auf einmal sehr viel mehr. Wie schwierig es sein kann, Pflanzen frei von Schädlingen zu halten, oder ein Kleidungsstück passgenau zu fertigen. Einige gehen sogar so weit, komplett auf Selbstversorgung umzusatteln und sich praktisch vollständig aus unserem Wirtschaftssystem zurückzuziehen. Diese Menschen haben meinen höchsten Respekt. Sie wagen es, ausgetretene Pfade zu verlassen und etwas Neues (oder Altes) zu wagen. Für viele undenkbar, für andere ein Traum, dem allzu viele Hürden entgegen stehen.

Allein ein Umzug aufs Land ist heute schon zu einem Traum geworden. Während die Ballungszentren immer stärker wachsen, verwaisen die ländlichen Gebiete. Die ohnehin schon dürftige Infrastruktur wird noch weiter zusammengestaucht und es wird den Menschen noch schwerer gemacht, dort zu leben. Dank Abhängigkeit vom Job ist man auch nicht immer flexibel, was die Wahl des Wohnortes angelangt. Wer bereits in Pension ist, ist davon vielleicht weniger betroffen, Schüler oder Erwerbstätige müssen pendeln, wollen sie weiter oder überhaupt am Land leben.


Da auch wir davon träumen, in Bälde der etwas anders gelagerten Perspektivlosigkeit der Stadt zu entfliehen, interessiere ich mich natürlich immer stärker für Menschen, die so etwas gewagt haben, und davon berichten. Ich weiß nicht, wie viele Dokus ich mir auf Youtube zu den Themen Tiny Homes, Selbstversorgung oder alternative Lebensführung angeschaut habe. Die Universallösung hatte bislang keiner parat. Viele sind mit Infos, wie sie es denn nun geschafft haben, raus zu ziehen, auch recht geizig. Insofern war ich höchst interessiert, als ich über das Buch "Raus aufs Land - 100 Schritte zu einem naturverbundenen Leben" von Niklas Kämpargard stolperte. Klappentext und Titel klangen sehr vielversprechend.

Zum Inhalt

Das Buch ist so aufgebaut, dass sich jede Doppelseite einem bestimmten Thema widmet. Im ersten Teil geht es ums Gärtnern. Die Tipp rund um essbare Kräuter, Gärtnern ohne Gift, Hausmittel aus dem Garten kann man auch als Stadtbewohner noch gut umsetzen. Danach steigt Herr Kämpargard gleich ein in die Tierhaltung: Schafe, Hühner, Bienen, Pferde, Ziegen und Schweine werden kurz vorgestellt. Auch wie man selbst Heu und Dünger herstellt beschreibt er.

Interessant für alle, die nähen können: Fell und Leder selber gerben sowie die Verarbeitung vom eigenen Leder.


Dann wird es, zumindest für mich, etwas zu viel des Guten: im Teil "Frisches Fleich auf dem Tisch" widmet er sich knappe 20 Seiten lang Schlachtung, Abhängen, Räuchern und Verarbeitung vom Fleisch seiner Nutztiere. Er stellt allerdings schon zu Beginn des Tierhaltungs Kapitels fest, dass man sich vor Anschaffung von Tieren überlegen soll, warum man sie anschafft und was später mal mit ihnen geschehen soll. Der für mich interessantes Teil in diesem Kapitel ist aber das Herstellen und Kochen in einer Kochgrube. Dabei handelt es sich um eine die steinzeitliche Form eines Backofens: mit heißen Steinen wird das Bratgut gar, darüber geschichtete Erde sorgt dafür, dass die Hitze in der Grube bleibt.


Im Kapitel "Obst und Gemüse" geht es dann um die Anlegung eines Gartens (so wie in drei anderen Kapiteln auch), aber vor allem ums Veredeln und Abernten von Obstbäumen sowie, was man alles aus den Früchten machen kann. Er beschreibt hier auch die Herstellung von eigenem Bier.

"Pflanzen selbst kultivieren" ist gar nicht so schwer, wenn man dem Autor glauben darf: in diesem Kapitel widmet er sich vor allem den Pflanzen und wie man aussäut, vorkeimt, düngt, mit einem sonnigen Plätzchen belohnt, bestäubt, und vor Schädlingen oder Frost schützt.


Als Drüberstreuer geht es im nächsten Kapitel um den "natürlichen Garten". Man liest hier über die Naturwiese, Wildverbisse, Schnecken, Vögel und Nistkästen, aber auch von der Bewässerung mit Regenwasser. Ob seine Tipps zur Vorbeugung einer Schneckenplage mittels Barrieren, Absammeln, Fallen oder Stromstößen Früchte tragen, kann ich an dieser Stelle leider noch nicht beurteilen.

Danach geht es endlich um die Konstruktion des Gartens: Zäune, Trockenmauern, Kopfsteinpflaster, Windschutzhecken werden hier gebaut, gelegt oder gepflanzt. Das Durchblättern macht auf diesen Seiten besonders viel Spaß, vieles davon kannte ich noch gar nicht. Auch die Anlegung eines Erdkellers, in dem Obst und Gemüse viel länger als in einem normalen Keller halten soll, wird hier beschrieben.



Da wir schon beim Bauen sind, werden auch gleich Ställe, Schuppen, Hühnerhäuser, Außentoiletten (es gibt nicht nur das Kompostklo als ökologische Alternative zum konventionellen WC), Gewächshäuser gebaut. Aber auch allgemein werden natürliche Materialien für den Hausbau vorgestellt, wie etwa Lehm- und Kalkverputz oder Strohgedeckte Dächer.

Wie man selbst Seife oder Kompost herstellt, Fruchfolge und Felderwirtschaft u.v.m. betreibt kommt im Kapitel "Altbewährte Methoden" vor. Abgeschlossen wird das Buch mit Notstromaggregaten, Solarpanelen und Photovoltaik.

Gerade der letzte Teil kann für Eigenheimbesitzer ganz interessant sein, auch wenn sie ansonsten nicht so viel mit Selbstversorgung am Hut haben. 

*****

Fazit

Ich stellte mir bei dem Buch ein 100 Punkte Programm vor, wie man vom Status Quo des Stadtlebens so nach und nach zu einem Leben im Einklang mit der Natur findet. Tja, insofern wurde ich enttäuscht. Man sollte das Buch also nicht als Checkliste verstehen, sondern eher ein gutes Nachschlagewerk. Die 100 Projekte hängen nicht zwangsläufig zusammen, sondern man kann sich die für sich passenden Projekte herauspicken. Da jede Doppelseite ein Thema behandelt und das Buch reich bebildert ist, macht es schon sehr viel Spaß nur durchzublättern und reinzuschmökern. Insgesamt kein Buch, das ich in einem Rutsch lesen würde, sondern immer mal wieder rausholen werde, wenn ich etwas bestimmtes wissen möchte.

Es hat nützliche und teils wertvolle Tipps parat und wurde mit dem Anspruch verfasst, altes Wissen zu erhalten und mehr Menschen zugänglich zu machen. Insofern ist Herrn Kämpargard ein gutes Sachbuch gelungen, aus dem man auch fürs Balkongärtnern das eine oder andere mitnehmen kann. Darüber hinaus kann man sich Anregungen für ein Leben mit vielleicht etwas weniger Komfort, aber mehr Selbstbestimmung, Eigenständigkeit und Unabhängigkeit holen. Denn das Wissen, sich selbst versorgen zu können, ist mächtig.


Thema: Freizeit, Haus & Garten
Verlag: Deutsche Verlags-Anstalt
Erscheinungsjahr: 2017
Auto: Niklas Kämpargard
Preis:  € 29,95

Falls ihr nun neugierig geworden seid, könnt ihr links in die Lesenprobe reinblättern.





Vielen Dank an den Verlag für die kostenlose Zurverfügungstellung des Buches.

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4 Kommentare

  1. Liebe Daniela, stell dir vor: Ich lebe schon auf dem Land, wünsche mir aber sehr, noch abgeschiedener zu wohnen! Irgendwie geht mir schon auf dem Dorf das Gewusel auf die Nerven, das offensichtlich immer mehr wird. Der Verkehr, die zunehmende Bevölkerung und die Überbauung unserer schönen Natur.... Am liebsten würde ich irgendwo oben am Berg wohnen, ganz alleine mit HerrnHummel und meinen Tieren. Und am besten in einem grossen, hölzernen Wohnwagen, der auch noch so ausgerüstet wäre, dass er autark ist, also mit Holzofen, Regenwasseraufbereitung, Solarpaneelen auf dem Dach und Bioklo. Zwar ist alles (noch) grün, wenn ich aus dem Fenster schaue hier. Aber ich fühle mich trotzdem zunehmend eingeengt, und es macht mir Sorgen wieviel gebaut wird, und wieviel kostbares Land dafür draufgeht. Unsere Dörfer verlieren zusehends ihren Charakter, und irgendwie scheint das keinem aufzufallen. Oder ist es einfach allen egal??
    Ich denke, solche Bücher sollen wirklich nur Hilfestellung sein, denn für jeden Menschen, der auf's Land zieht, stellt sich die Situation dann doch anders dar. Aber je mehr jeder sich unabhängig macht von der Industrie, sprich, je weniger jeder dann fertig gekauft konsumiert und je mehr er selber versucht, Dinge herzustellen, umso besser ist das für die Natur und für das eigene Wohlbefinden! Und ich hoffe sehr, dass immer mehr Menschen erkennen, dass es so, wie es jetzt läuft, nicht weitergehen kann, und im Rahmen ihrer Möglichkeiten dagegen etwas unternehmen.
    Wo bei mir die Selbstversorgung aber definitiv aufhören würde: Ich könnte im Leben nicht ein Tier schlachten, mit dem ich zusammengelebt habe. Ich würde die Wolle meiner Schafe nutzen, die Eier meiner Hühner, die Milch meiner Ziegen. Aber niemals könnte ich sie aufessen!
    Übrigens kann ich dir in diesem Zusammenhang auch das Buch "Einfach leben" von Lina Jachmann empfehlen. Es enthält viele spannende Reportagen über Menschen, die Minimalismus in irgendeiner Form leben oder fördern, und ausserdem viele nützliche Tipps und DIY's. Es ist auch für mich, die ich schon lange sehr reduziert und konsumkontrolliert lebe, eine Inspiration!
    Hab einen schönen Sonntag noch, herzliche Grüsse!

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    1. Hallo!
      Danke für deinen lieben Kommentar! Mit meiner Kritik am Aushungern der Infrastruktur hab ich nicht gemeint, dass die Dörfer wachsen und zu Mini Städten werden sollen. Ich mag es auch grün - auch wenn ich in einer Stadtwohnung aufgewachsen bin. Ich stelle mir es aber schwierig vor, komplett abgeschieden am Land zu leben - wie tu ich da mit Arbeit? Ich hab nicht genug Geld sofort ein Haus abzubezahlen (wer hat das schon?), Pacht oder Miete macht mich aber doch wieder abhängig von einem Einkommen? Wie schafft man es heutzutage, aufs Land oder zumindest in eine kleinere Gemeinde zu ziehen, wenn man nicht zumindest Haus und Grund geerbt hat? Vielleicht hast du ja Lust, deine Geschichte kurz zu erzählen. Ich bin da immer wahnsinnig neugierig, wie andere Menschen den Übergang geschafft haben.

      Ich finde generell, dass sich die Architektur immer weiter angleicht, egal wohin man schaut. Alles wird "verwestlich", modernisiert.

      Meinem Freund kann es auch nicht abgeschieden genug sein. Wenn das Thema Erwerbsarbeit nicht wäre, würde ich dem grundsätzlich auch offener gegenüber stehen.

      Danke für den Buchtipp. Ich werd mich da mal reinlesen. Reportagen über Menschen, die etwas anderes gewagt haben, find ich immer spannend.

      Ich wünsche dir auch noch einen schönen Sonntag! Liebe Grüße!

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    2. Wie ich auf's Land gekommen bin? Na, ich bin da geboren, *ggg*! Und ich kann es mir auch absolut nicht vorstellen, in der Stadt zu leben. Zur Zeit arbeite ich in einer Klinik 9 km weg von unserem Zuhause, vorher 14 Jahre lang in Luzern in verschiedenen Praxen. Damals musste ich 2 Stunden Arbeitsweg pro Tag in Kauf nehmen, das hiess um 4 Uhr aufstehen, Stallarbeit und dann los mit Auto und Zug. Irgendwann klappte ich abends auf dem Nachhauseweg dann beinahe zusammen und hatte schon Jahre vorher unter Schlaflosigkeit, Herzrasen und Kopfschmerzen gelitten. Das war mir Fingerzeig genug, dass ich was ändern musste! Seit 6 Jahren nun also hab ich den Job in der Klinik, zu 70%. Mehr würde ich nie mehr arbeiten wollen, ich brauch ja nicht viel Geld! ;oD
      Naja, so als Selbstversorger würde ich das wohl nicht wirklich wagen, ich müsste nämlich die ganze Infrastruktur mieten. Wir haben kein Eigentum. Und wenn du dann alles rechnest- das kriegst du hier nicht hin. In der Schweiz darfst du auch nicht einfach einen Wohnwagen aufstellen, da gibt es genaue Regeln und Vorschriften. Aber ich träume meinen Traum weiter.
      Ich taste mich langsam ran, mache so viel wie möglich selber, kaufe so nachhaltig und so wenig wie möglich, reduziere mein Zeugs auf das, was ich wirklich brauche. Und wenn ich irgendwann die Gelegenheit bekomme, ein gutes Stück weg vom Getöse meine Zelte aufschlagen zu können, dann werde ich die subito nutzen. Wenn es soll, dann wird das!
      Schönen Abend noch!

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    3. Danke für deine ausführliche Antwort! Freut mich, dass das für dich nun so gut geklappt hat. 9 km sind ja echt nicht viel. Zwei Stunden Arbeitsweg in Kauf zu nehmen stell ich mir wirklich mühselig vor. Ich weiß nicht, ob ich bei so einem weiten Anfahrtsweg nicht doch näher ran an die Arbeit ziehen würd. Deine Arbeitszeit zu reduzieren war bestimmt ein wichtiger Schritt, vor allem wenn die Vorzeichen schon so deutlich waren. Mit ein bisschen Genügsamkeit kommt man mit so wenig Geld aus, das merke ich auch selbst immer wieder. Und man wird zwangsläufig kreativer.

      Ja, bei uns in Österreich ist Land auch nicht gerade billig. Also in richtig abgelegenen und touristisch uninteressanten Gegenden schon noch eher leistbar. Wohnwagen aufstellen ist, meines Wissens nach, auch hier nicht so leicht. Wird wohl in ganz Mitteleuropa ähnlich streng sein. Tiny Houses sind ja praktisch nirgends legal.

      Dann wünsche ich dir auch viel Glück und Erfolg, dass dein Wunsch in Erfüllung geht!

      Liebe Grüße, Daniela

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